Soll ich einfach lügen? Nein. Wie kann ich das Vertrauen der anderen gewinnen, wenn ich mir jetzt schon Dinge ausdenke? Falls ich aber von meiner Pyromantie-Affinit?t erz?hle, wird mir dasselbe Spezialtraining zuteil, welches alle Kinder bekommen, deren magische Kr?fte bereits erwacht sind. Normalerweise w?re das auch kein Problem. Allerdings habe ich keine Ahnung, ob ich meine Kr?fte wirklich kontrollieren kann. Zudem bekommt Maya dann mit Sicherheit Wind davon.
Wie eingefroren blieb Charles still an seinem Platz stehen, w?hrend seine Mitschüler mittlerweile zu tuscheln begannen.
Nach einer Weile fragte ihn Herr Alatar: ?Hey, Charles? Alles in Ordnung mit dir? Einer deiner Mitschüler hat dir eine Frage gestellt. M?chtest du sie nicht beantworten?“
Charles biss sich auf die Lippe. Sein Blick huschte durch den Raum. Von allen Seiten prasselten fragende Blicke auf ihn ein.
Verdammt! Dann muss ich halt lügen. Das Risiko ist ansonsten viel zu hoch. Ich darf Maya auf keinen Fall in die H?nde spielen!
?Nein, ich …“
Bevor er seinen Satz beenden konnte, stand Valentin pl?tzlich auf.
?Ich kenne die Details nicht, aber offenbar ist Charles hier, weil ihm im Zusammenhang mit Magie etwas Schlimmes passiert ist. Ob seine Kr?fte erwacht sind oder nicht, ist vollkommen egal. Wir haben nicht das Recht, uns in seine Sachen einzumischen, und wenn er nicht darüber reden m?chte, dann sollten wir das akzeptieren. Das ist zumindest meine Meinung.“
Die anderen Kinder starrten mit weit ge?ffneten Augen zu Valentin. Ihre Münder ?ffneten sich, aber niemand konnte ein logisches Gegenargument hervorbringen. Ein Schweigen breitete sich im Raum aus, bis Herr Alatar die Stille durchbrach.
?Wirklich sch?n gesagt, Valentin! Du und Charles scheint bereits gute Freunde geworden zu sein. Es freut mich, zu sehen, wie du dich für ihn einsetzt! Au?erdem hast du vollkommen recht. Wir wollen niemanden dazu zwingen, seine Affinit?t preiszugeben, wenn er das nicht m?chte. Ich will an der Stelle dennoch betonen, dass Kinder mit magischen Kr?ften spezielle F?rderung kriegen k?nnen, die ihnen dabei helfen kann, neue F?higkeiten zu erlernen und eventuell im Rang aufzusteigen. Sollte sich Charles also bereit fühlen, uns über den Stand seiner Magie zu informieren, dann stehen meine Türen jederzeit offen.“
Valentin setzte sich wieder hin, lehnte sich nach hinten und lie? seine Stuhllehne an Charles’ Tischkante fallen. Dann flüsterte er ihm leise zu: ?Auch wenn wir uns nicht über alles einig sind, kannst du dir über eines im Klaren sein: Ich lasse dich niemals h?ngen, Kumpel!“
Diese freundschaftliche Geste rührte Charles fast zu Tr?nen.
Ich kenne dich zwar erst seit zwei Tagen, aber ich bin mir jetzt schon sicher, dass du ein herzensguter Mensch bist, Valentin. Statt Angst vor Maya zu haben, weil sie dich verletzt, machst du dir eher Sorgen darüber, was sie mit den anderen Kindern anstellt, wenn du nicht gehorchst. Du setzt dich mit aller Kraft dafür ein, dass keinem von ihnen etwas passiert. Auch wenn sich dadurch nie was ?ndern wird, kann ich nicht behaupten, dass es falsch ist, was du tust.
?Danke, Valen…“
Charles schüttelte den Kopf.
?Ich meine … Danke, Kumpel!“
Sogleich fuhr Herr Alatar mit dem Unterricht fort: ?Was ist Magie? Wir definieren Magie als die F?higkeit, durch Handlungen eine übernatürliche Wirkung zu erzielen. Dies erfordert nicht unbedingt ein spezifisches Ritual, setzt jedoch gewisse Kenntnisse voraus. Grob l?sst sich die Magie unserer Welt in drei Kategorien einteilen:
– Unterstützungsmagie:
Hierbei handelt es sich um Zauber, die eine klar erkennbare Modifikation einer Entit?t, egal ob leblos oder lebendig, bewirken.
– Angriffsmagie:
Dazu z?hlen jegliche Zauber, die einen negativen physischen oder psychischen Effekt zur Folge haben.
– Heilmagie:
Alle Zauber, die zur Wiederherstellung von organischen oder anorganischen Objekten führen oder den Gesundheitsstatus positiv beeintr?chtigen, z?hlen zu dieser Kategorie.
In welcher Form sich die Magie zeigt, h?ngt von euren F?higkeiten ab, die durch Rang und Affinit?t bestimmt werden. In der Klasse Humanoid starten Magier, also Menschen, deren magische Kr?fte erwacht sind, auf dem ersten Rang und k?nnen bis zum zehnten aufsteigen. Jedoch ist es nach Rang III nur besonderen Magiern vorbehalten, die restlichen Stufen zu erklimmen.“
Einer der Schüler meldete sich und stellte die Frage, ob es noch andere Klassen g?be.
??u?erst interessante Frage, und in der Tat werdet ihr in anderen F?chern lernen, dass sich in unserem Universum mehrere bewohnte Planeten mit intelligentem Leben befinden. Dort kann es auch andere Klassen geben.“
Nun meldete sich Charles.
?Und welche dieser Klassen ist die st?rkste?“
Der Dozent antwortete: ?Das ist schwer zu sagen, da wir bisher nur einen Bruchteil aller Planeten erforschen konnten. Allerdings ist es ?u?erst wahrscheinlich, dass uns andere Spezies bei Weitem überlegen sind.“
Nahtlos machte Herr Alatar nach dieser Frage mit dem Unterricht weiter.
?Heute behandeln wir die Solar-Affinit?t, deren Hauptthema das Licht ist. Dieses kann sowohl die prim?re Energieressource für jegliche Lebewesen sein als auch die Ursache für deren Tod. In der Natur finden sich viele Beispiele. Auf den niedrigeren R?ngen dieser Affinit?t wird euch haupts?chlich Heilmagie begegnen. Angriffsf?higkeiten kommen erst sp?ter mit den h?heren R?ngen hinzu. Rang I beinhaltet genau zwei F?higkeiten:
– Licht der Heilung:
Damit lassen sich nahezu alle Verletzungen heilen. Der Erfolg h?ngt hierbei stark vom medizinischen Wissen des jeweiligen Magiers ab. Tats?chlich werden j?hrlich Wettbewerbe veranstaltet, bei denen die Solaristen aus aller Welt ihr K?nnen unter Beweis stellen und versuchen, mit dieser F?higkeit sehr schwere Wunden zu behandeln.
– Licht der Reinigung:
Befreit organische und anorganische Substanzen von Verunreinigungen oder Giften, vorausgesetzt, der Anwender kennt deren genaue Zusammensetzung sowie das geeignete Mittel zu ihrer Neutralisierung.
Wie ihr seht, ist Wissen unheimlich wichtig, um das Maximum aus euren Kr?ften herauszuholen.“
Das w?re echt hilfreich gegen Maya. Wenn uns ein Kind mit Heilmagie helfen würde, dann w?ren ihre Bestrafungen nicht mehr so schlimm.
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Gespannt h?rte Charles dem Unterricht weiter zu, um eventuell noch weitere Hinweise zu bekommen, welche ihm bei seiner Mission helfen k?nnten. Bevor er sich versah, war der Schultag auch schon vorbei.
Als die Vierertruppe das Klassenzimmer verlie? und in Richtung Cafeteria ging, musste Caleb g?hnen.
?Oh Mann… das waren mir einfach zu viele Informationen. Ich hoffe, dass ich niemals eine Affinit?t oder sowas bekomme. Der Mist ist echt anstrengend zu kapieren.“
Mit hochgezogener Augenbraue warf ihm Charles einen seitlichen Blick zu.
Erstens hat man seine Affinit?t schon seit der Geburt und zweitens wurden heute extra nochmal die Grundlagen wiederholt, weil ich neu war. Komischerweise hattest du keine Probleme, dir die F?higkeit von Maya zu merken. Tja, wenn man eine Person mag, passieren halt die seltsamsten Sachen.
Charles kicherte innerlich bei diesem Gedanken.
?Weniger reden, mehr laufen! Falls wir nicht rechtzeitig kommen, stehen wir sonst ewig bei der Essensausgabe an“, spornte Valentin die anderen an.
Es war mehr als deutlich zu erkennen, dass ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlief.
?Ich würde mich erstmal ausklinken, um etwas in der Bibel zu st?bern. Eventuell komme ich sp?ter noch vorbei“, sagte Charles und winkte der Truppe zum Abschied.
Au?erdem kann ich von meinem Zimmer aus den Hof gut im Auge behalten, für den Fall, dass Maya das Fleisch besorgen geht.
?So wie das aussieht, wird das heute wieder ein richtiges Massaker. Auf dem Schlachtfeld wirst du sp?ter nur noch leere Teller vorfinden, Kumpel. Auf in den Kampf, meine Freunde!“
Valentin zog nun das Tempo der Gruppe gewaltig an, als ein paar andere Kinder sie überholten. W?hrend Charles die Treppe hochging, sah er, wie die Jungen in die Cafeteria flitzten und dabei von einer Erzieherin ermahnt wurden, auf dem Gang nicht zu rennen. Im Schlafzimmer angekommen, nahm sich Charles einen Stuhl, setzte sich nah an das Fenster und begann, in der Bibel zu bl?ttern. Hin und wieder richtete er seinen Blick nach drau?en, um zu sehen, ob sich etwas im Hof bewegte. So vergingen ein paar Stunden.
Erst als der Spieleabend vorbei war und alle Kinder bereits auf ihre Zimmer gegangen waren, sah Charles eine Gestalt im grauen Zaubermantel über den Hof huschen. Ein kleiner Lichtkegel erhellte ihren Weg und ein gro?er Rucksack wippte beim Laufen auf und ab. Die Mundwinkel von Charles zogen sich leicht nach oben.
Damit beginnt die Verfolgungsjagd.
Er klappte die Bibel zu und schlich sich unbemerkt in den Hof.
Nachdem Charles durch das kleine Waldstück gelaufen und sich kurz vor der Mauer in einem Gebüsch versteckt hatte, bemerkte er, dass die mysteri?se Gestalt bereits auf einen Baum geklettert war. Sie stand auf einem sehr breiten Ast, nahm kurz Anlauf und sprang ohne Probleme auf die Mauer.
Ich hatte mich schon gefragt, wie sie es ganz ohne Hilfe da rauf schaffen m?chte.
Ohne gr??ere Probleme gelang Charles der Aufstieg auf dieselbe Weise. Von der Mauer aus konnte er sehen, wie die Entit?t im Wald verschwand. Um keine Zeit zu verlieren, wollte Charles ihr direkt hinterher. Doch dann h?rte er aus heiterem Himmel Schritte neben sich. Sofort drehte Charles den Kopf zur Seite. Das geheimnisvolle Wesen, welches eben im Wald verschwunden war, stand ihm nun in einiger Entfernung mit einem breiten, beinah d?monischen Grinsen gegenüber.
?Ach Charlie, wenn du mit mir alleine sein willst, dann h?ttest du das einfach sagen k?nnen.“
Die r?tselhafte Gestalt zog die Kapuze des Mantels runter und das Gesicht eines wundersch?nen M?dchens kam zum Vorschein. Die Augen von Charles weiteten sich.
?Ma-Maya? Aber warst du nicht gera…“
?Spionierst du mir etwa hinterher?“, unterbrach ihn Maya.
Langsam ging sie auf Charles zu und leckte sich über die roten Lippen, w?hrend sie ihn mit ihren lilafarbenen Augen scharf ansah.
?Sowas kann ich gar nicht leiden!“
Entgegen seinem Instinkt, zurückzuweichen, blieb Charles stehen und versuchte, so gut es ging, ruhig zu bleiben.
Ich darf mir nichts anmerken lassen! Eventuell kann ich mich dann aus der Sache irgendwie rausreden.
Ohne seinen Kopf zu drehen, wanderte Charles' Blick in Richtung des Waisenhauses.
Wie ich's mir dachte. Ich bin viel zu weit weg. Selbst wenn ich schreie, wird mich niemand h?ren. Verdammt! Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein?
In der Zwischenzeit hatte Maya ihn bereits erreicht und legte ihre H?nde auf sein Gesicht.
?Mein lieber Charlie, denkst du etwa im Ernst, dass ich meine Freunde vergiften würde?“
Bei diesen Worten erstarrte Charles für einen kurzen Augenblick.
Woher wei? sie das?
Im n?chsten Moment fasste er sich wieder.
?Spionieren? Ich? Nein! Wieso sollte ich das machen? Ich dachte mir nur, dass du eventuell Hilfe beim Tragen gebrauchen k?nntest. Das ist alles“, antwortete Charles, w?hrend er Mayas H?nde von seinem Gesicht schob und sich zwang, ein Grinsen aufzusetzen.
Daraufhin sanken ihre Mundwinkel nach unten.
?Du bist echt ein unheimlich schlechter Lügner, Charlie. Ich würde es wirklich begrü?en, wenn du mir zumindest etwas vertraust.“
Vertrauen? Ich soll dir vertrauen? Nach dem, was du getan hast, kann dir doch niemand mehr vertrauen!
Auf einmal streckte Maya ihre Arme aus.
?Kannst du mir vertrauen, Charlie? Nur dieses eine Mal? Falls ja, dann nimm meine H?nde!“
Mit weit ge?ffneten Augen betrachtete Charles die Szenerie vor sich. Mayas Haar gl?nzte im Mondlicht und ihre Lippen formten ein schmales, einladendes L?cheln. Oberfl?chlich wirkten ihre Augen warm und freundlich, doch tief in ihnen sah Charles etwas, das ihn den Drang verspüren lie?, wegzulaufen. Allerdings wusste er nicht, was Maya dann mit ihm anstellen würde.
Ich bin mir sicher, dass es eine Falle ist. Jedoch sollte ich besser so tun, als h?tte ich keine Ahnung. Wenn ich mich an ihre Regeln halte, wird mir schlie?lich nichts passieren, oder?
Daraufhin nahm Charles ihre H?nde und bereute es einige Sekunden sp?ter wieder, denn Maya lehnte sich zur Seite und lie? sich von der Mauer fallen. Da sie seine H?nde festhielt, wurde auch Charles mit nach unten gezogen. Er verlor den Halt und stürzte kopfüber von der Mauer. Rückblickend betrachtet wusste Charles es schon vom ersten Moment an: Dieses M?dchen ist komplett wahnsinnig!

