Nach dem Frühstück lieh sich Charles das Buch über Antimagie aus der Bibliothek und machte sich sofort auf den Weg, um Valentin zu besuchen. Da endlich Wochenende war und somit kein Unterricht stattfand, schien dies die beste Gelegenheit zu sein.
Ich hab zwar noch nicht alles rausgefunden, aber ich wei? genug, um zu erkl?ren, wie Maya es schafft, die magischen Kr?fte von Valentin zu stoppen.
Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
Zudem haben wir beiden noch was zu kl?ren.
Als Charles die Krankenstation betrat, sah er Valentin aufrecht im Bett sitzen und aus dem Fenster schauen Zugegeben, seltsam erschien es ihm nicht, da Charles denken konnte, worüber Valentin nachdachte.
?Hey Kumpel, was geht so?“, fragte Charles und legte das Buch über Antimagie auf den Scho? seines Freundes.
Der aus seiner Gedankenwelt gerissene Valentin drehte sich zu ihm.
?Oh, Charles … Wie lange bist du schon hier?“
?Lange genug, um zu sehen, dass du dein Frühstück kaum angerührt hast“, erwiderte Charles, w?hrend er seinen Blick über den Nachttisch mit dem vollen Teller schweifen lie?. Danach deutete Charles auf die Lektüre in Valentins Scho?.
?Willst du nicht mal schauen, was ich dir Sch?nes mitgebracht habe?“
Vorsichtig nahm Valentin den zerfledderten Band in seine H?nde. Nachdem er die Einleitung gelesen und den Rest überflogen hatte, guckte Valentin zu Charles.
?Wir wissen jetzt also, mit welcher Technik sie meine Magie unterbrechen kann, aber wir haben keinen Plan, wie diese im Detail funktioniert. Richtig?“
Charles zuckte mit den Achseln.
?Irgendwie muss es Maya auch gelernt haben.“
Wild bl?tterte Valentin durch das Buch, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Dabei schleiften seine Finger immer wieder knapp an den Kanten vom Papier vorbei, bis er sich ungeschickterweise einen tiefen Schnitt am rechten Zeigefinger zuzog. Charles, der dies anscheinend als Einziger bemerkt hatte, stoppte ihn: ?Hey, mach mal ein bisschen langsamer, Kumpel! Ist dir gar nicht aufgefallen, dass du dich geschnitten hast?“
Augenblicklich h?rte Valentin auf, zu bl?ttern, und schaute auf seine beiden H?nde, um den verletzten Finger zu entdecken. Als er die Wunde an seinem Zeigefinger fand, starrte er mit gro?en Augen auf das Blut, das bereits begann, in seine Handfl?che zu flie?en.
?S-seltsam, ich … ich spüre gar nichts“, sagte Valentin mit zitternder Stimme.
?Naja, nach dem, was du bisher so durchgemacht hast, würde es mich nicht wundern, wenn du eine gewisse Schmerzresistenz entwickelt hast. Immerhin bist du an meinem ersten Tag hier mehrere Stunden mit einer aufgeschnittenen Hand rumgelaufen, als w?re nichts gewesen“, erinnerte ihn Charles.
?Jaa, genau! Das wird es sein! Au?erdem ist das nur ein kleiner Schnitt, oder? Kaum schmerzhaft genug, um ihn überhaupt zu bemerken. Nicht wahr?“, erg?nzte Valentin hastig und setzte ein gezwungenes L?cheln auf.
Die Augenbrauen von Charles zogen sich zu einem Dach zusammen, bevor er ebenfalls versuchte, zu grinsen. Kurz darauf senkten sich die Mundwinkel von Valentin.
?Apropos Schmerz … Ich wollte dir noch vom Tod meiner Eltern erz?hlen.“
Wow … Taktgefühl wird dir wohl für immer ein R?tsel bleiben, Valentin. Noch mehr kann man mit der Tür gar nicht ins Haus fallen.
Nachdem er tief eingeatmet hatte, lie? sich Charles auf den Stuhl neben Valentins Bett sinken und stie? die Luft langsam wieder aus. Da Valentin bereits Frühstück bekommen hatte, konnten sie dieses Mal hoffentlich ungest?rt reden. Eine flüchtige Stille erreichte die beiden, ehe Valentin anfing zu sprechen: ?Ich habe dir erz?hlt, dass meine Eltern mich wegen meiner magischen Kr?fte gehasst haben, nicht wahr? Jedoch habe ich dir was sehr Wichtiges verschwiegen. Wei?t du … meine T-Shirts sind eigentlich gar nicht rot. Nach einer Weile war es nur leichter, sie so zu f?rben, als mühsam all die Blutflecken rauszuwaschen.“
Charles' Brauen spitzen sich zu. Er biss die Z?hne zusammen und ballte die F?uste.
?Schon komisch, wie nah Liebe und Hass beieinanderliegen, meinst du nicht auch, Charles? In dem einen Moment liebt man den anderen, und im n?chsten m?chte man ihn anschreien. Was jedoch immer gleich bleibt, ist der Schmerz. Kein anderes Gefühl ist so ehrlich. Ob du nun Magie wirken kannst oder nicht. Wir alle empfinden ihn. Er definiert uns. Zwingt uns, stark zu werden. Und am Allerwichtigsten ist: Schmerz verbindet die Menschen. Genau wie die Protagonisten in den Liebesromanen. Am Ende finden sie trotz all der Strapazen immer wieder zueinander. Gemeinsam schwere Zeiten zu überstehen, schwei?t einen n?mlich meistens mehr zusammen als jegliche sch?nen Erinnerungen. Ironisch, dass mein eigentlicher Plan erst scheitern musste, damit ich das begreife.“
Ein grauenvoller Gedanke fing an, sich in Charles' Kopf zu entfalten.
?W-was … hast du …?“, fragte Charles z?gerlich.
?Ich steckte uns alle in Brand. Meinen Vater, meine Mutter und mich selbst. Ich verwandelte den Ort, der früher ein Himmel für mich gewesen war, in eine H?lle. Soll ich dir mal was Lustiges verraten?“
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Seine Augen füllten sich mit Tr?nen und er versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken.
?Magier k?nnen sich mit ihren eigenen Zaubern nicht verletzen. Unsere Verbindung war so kaputt, dass wir nicht mal zusammen sterben konnten.“
Pl?tzlich erschien ein L?cheln auf Valentins Gesicht. Es war ein bizarrer Anblick: Tr?nen flossen seine Wangen herab, doch er wirkte seltsam zufrieden. Mehr als das. Wie als würde man nach etlichen Jahren langer, harter, manchmal nervenzerrei?ender Arbeit sein Ziel erreichen.
?Dann geschah allerdings etwas Merkwürdiges. Für einen kurzen Augenblick fühlten sie, was ich fühlte, sahen, was ich sah, und schrien die Worte, welche ich ihnen so oft unter Tr?nen zugerufen hatte: ?Bitte h?r auf. Es tut so weh!‘“
Charles musste sich fast übergeben. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Valentin wischte sich die Tr?nen mit seinem ?rmel ab, schaute aus dem Fenster und schwieg sehr lange, bevor er fragte: ?Verstehst du, warum es mir so wichtig war, dir das zu erz?hlen?“
?Damit ich wei?, was für ein Mensch du bist?“
?Exakt! Ich wollte, dass du wei?t, was für ein schwacher, erb?rmlicher Feigling ich bisher war. Ich w?hlte den Tod, da mir das Leben zu viel Angst machte, und erlangte meine Freiheit nur durch pures Glück. Selbst nach zwei Jahren hat sich nicht viel ge?ndert. Auch wenn mir mein Leben egal ist, das der anderen ist es nicht. Genau das macht mich erneut zum Opfer. Ihr Blick an jenem Tag hat mir das klargemacht. Dann kamst du, Charles, und obwohl ich dich beschützen wollte, als Maya mir aufgetragen hat, dich anzusprechen, warst du es am Ende, der mich retten musste.“
Also war Calebs Vermutung richtig.
Einen Augenblick lang schwieg Valentin, dann knüllte er mit beiden H?nden die Bettdecke zusammen.
?Ich bin es leid, Charles. Leid, mir st?ndig Sorgen zu machen. Leid, ?ngstlich zu sein. Leid, nur durch Zufall zu überleben, und verdammt nochmal Leid, sie immer wieder damit durchkommen zu lassen. Wie kann ich dein Freund sein, wenn ich dich die ganze Zeit alleine k?mpfen lasse? Nein. Die bessere Frage ist: Wenn ich selbst meine eigenen Eltern get?tet habe, um den Misshandlungen zu entkommen, wieso z?gere ich dann bei Maya?“
Sein Griff lockerte sich. Die Gesichtszüge entspannten sich und er schaute mit festem Blick zu Charles. In seinen Augen spiegelte sich dieselbe Entschlossenheit wieder, mit der er Charles einst gewarnt hatte. Dieses Mal richtete sie sich jedoch gegen Maya. Sogleich streckte er Charles seine Hand entgegen.
?Abenteurer Charles, nimm mich in deine Gruppe auf! Wir beide haben eine b?se Hexe zu besiegen, Kumpel.“
Auf Charles' Gesicht erschien ein L?cheln.
?Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir durch dich mittlerweile zu dritt sind“, antwortete dieser, nachdem er in die Hand von Valentin eingeschlagen hatte.
Die Augen von Valentin weiteten sich.
?Was … was meinst du damit?“
Ohne ein Detail auszulassen, erz?hlte ihm Charles von den geheimen Treffen mit Rochelle und dem vermeintlichen Deal, welchen sie ausgehandelt hatten. Je mehr er berichtete, umso heller strahlte Valentin.
?Echt unglaublich! Ich kenne Rochelle schon seit einem Jahr. Vor dir war sie n?mlich der Neuzugang in der Freundesgruppe, wei?t du? Allerdings hatte ich nie gedacht, dass sie so eine krasse Strategin ist. Jetzt versteh ich, wieso Maya sie zu uns geholt hat und Rochelle sich bis heute so distanziert verh?lt. Die heckt irgendwas aus und mein Bauchgefühl sagt mir, dass dies der Schlüssel zu unserem Sieg sein wird.“
Nachdenklich legte Charles seinen Zeigefinger ans Kinn.
?Leider habe ich absolut keine Ahnung, was sie wirklich plant. Für sie scheint das Ganze nur ein Spiel zu sein. Doch wenn wir gewinnen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mitzuspielen.“
Valentin verzog den Mund und sah auf seine Decke.
?Ich denke, wir müssen ihr vertrauen. Momentan k?nnen wir es uns nicht leisten, auf sie zu verzichten. Du hast schon gute Vorarbeit geleistet. Jetzt hakt es nur noch an den Details. Vielleicht kannst du Herrn Alatar um Hilfe bitten. Er wei? bestimmt mehr zum Thema Antimagie.“
Das ist eine sehr gute Idee! Dann k?nnte ich auch wegen der fehlenden F?higkeit nachfragen. Im Moment w?re es wohl das Klügste, das vor Valentin zu verschweigen. Ich hatte enormes Glück, dass mich Maya nur mit dem Antimagiebuch erwischt hat. Auf diese Weise konnte ich den kleinen Vorteil ihr gegenüber behalten. Es w?re gut, wenn das erstmal so bleibt.
?Dann werd' du so schnell es nur geht wieder gesund! Ich brauche dich in Topform, Kumpel!“
Valentin griff sich an die Schulter, hob den rechten Arm und spannte den Bizeps an.
?Aber natürlich! Frau Juno meinte, dass ich übermorgen bereits entlassen werden kann.“
Klingt so, als würde unser Showdown nicht lange auf sich warten lassen. Genie? dein K?nigreich, solange es noch steht, Maya! Bald wirst du nur noch die Trümmer aufsammeln.

